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Das Pendel und die Tradition der Uhrmacherei

Die ersten Räderuhren waren in Europa am Übergang vom 13. zum 14. Jahrhundert gebaut worden. Ihrer Größe wegen waren sie ortsfest und meist öffentlich zugänglich. Ein mechanisches Uhrwerk bestand damals aus vier Komponenten: einem Gewichtsantrieb, einer Waaghemmung, einer Übersetzung aus Zahnrädern und Trieben und einer Anzeige. Technisch analoge Verkleinerungen tauchten im späten 14. Jahrhundert als Haus- und Zimmeruhren auf, sie waren zwar transportabel, wegen dem Gewichtsantrieb aber nicht wirklich tragbar.

Erst durch die Erfindung des Federantriebs im 15. Jahrhundert wurde es möglich, tragbare Uhren herzustellen. Als Ausgleich für die nachlassende Federspannung diente dort die so genannte »Schnecke«, eine konische Rolle mit einer am Federhaus befestigten Darmsaite oder das Stackfreed.

Gewichtsgetriebene Waaguhren erreichten eine Ganggenauigkeit von etwa 15 Minuten Abweichung pro Tag, Uhren mit Federzug eine von rund 30 Minuten. Obschon die Elemente der Mechanik laufend verbessert und verfeinert wurden, erfolgten im Uhrenbau seit der Erfindung des Federantriebs im 15. Jahrhundert bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts keine vergleichbar grundlegenden technischen Neuerungen. Was änderte, waren die Gehäuse, welche die Handwerker vor allem in den aufstrebenden Handelsstädten - dem wechselnden Geschmack ihrer Auftraggeber folgend - mit großer Kunstfertigkeit herstellten.

Eine größere Ganggenauigkeit der Uhren verhinderte vor allem der Regulierungsmechanismus der Waag. Mit dem wissenschaftlichen Fortschritt seit der Renaissance wuchs aber das Bedürfnis nach präziseren Uhren. Bereits Galilei (1564 bis 1642) hatte um 1640 mit dem Pendel einen neuen Gangregler beschrieben und im Jahre 1657 stellte der Holländer Christiaan Huygens (1629 bis 1695) die erste Uhr mit einem frei schwingenden und frei aufgehängtem Pendel vor. Seine Erkenntnisse über das Pendel veröffentlichte er in zwei viel beachteten Schriften: »Horologium« (1658) und »Horologium oscillatoriumo« (1673).

Das zweite Werk schrieb er während seines Aufenthaltes in Paris (1666 - 1681) und widmete es Ludwig XIV, dem Protektor der 1666 dort gegründeten Académie Royale des Sciences, deren erstes ausländisches Mitglied Huygens war. Die Ersetzung der Waag durch das Pendel als Regulierungsmechanismus der Uhr war eine revolutionäre Innovation: Statt wie bisher mit der Waag eine Ganggenauigkeit von im besten Fall vielleicht einer Viertelstunde Abweichung pro Tag zu erreichen, waren mit dem Pendel Werte von deutlich unter einer Minute Abweichung zu erzielen. Der Erfindung war ein durchschlagender Erfolg beschieden: Fortan wurden nicht nur überall Uhren mit dem neuen und zuverlässigen Gangregler gebaut, auch bei vielen alten Uhren wurde die Waag durch ein Pendel ersetzt.

Die Erfindung des Pendels hatte aber nicht nur Auswirkungen auf die Ganggenauigkeit. Das Pendel bestimmte künftig auch das Gehäuse einer Uhr mit. Waren die Dimensionen der Uhren bisher hauptsächlich vom Räderwerk vorgegeben worden, musste jetzt zusätzlich das hängende und schwingende Pendel berücksichtigt werden. Die Länge des Pendels und seine Amplitude waren Daten, welche die Gehäusemacher fortan zu berücksichtigen hatten. Ein weiterer zentraler Punkt war der Standort: das nur in einer vertikalen Ebene schwingende Pendel verlangte nach einem permanenten Aufstellungsort. Pendeluhren erhielten einen festen Platz, sei es an der Wand, auf einem Sockel, auf einer Konsole oder häufig auf dem Kamin. Dies begünstigte eine Entwicklung, welche die Pendeluhr rasch zu einem Teil der Möblierung oder zu einem dekorativen Wandelement, kurz zu einem festen Bestandteil eines Raumes werden ließ.

 

Die Uhrmacher

Seit dem Aufkommen der Städte im Mittelalter waren die meisten Handwerke in Paris wie im übrigen Europa zunftmäßig organisiert. Grundgedanke des Zunftwesens war, den Mitgliedern die Ausübung des gemeinsamen Handwerks zu ermöglichen und Ihnen ein gesichertes Auskommen zu verschaffen. Erreicht wurde dies durch Zunftzwang und eine strikte Reglementierung.

Die Zunftordnung musste von der städtischen Obrigkeit bestätigt werden und beschränkte die Anzahl der Meister, Gesellen und Lehrlinge. Sie legte mit Lehr , Gesellen und Wanderzeit sowie dem Meisterstück die Kriterien der Ausbildung und Zunftzugehörigkeit fest, regelte und kontrollierte Produktionstechniken, Arbeitszeit, Rohstoffbezug, Qualitätsanforderungen und Preise. Die Zunft prägte das Leben Ihrer Mitglieder auch im sozialen Bereich: sie betrieb Gesellenherbergen, führte gemeinsame Gottesdienste durch und war auch Hilfsgemeinschaft bei Krankheit und Tod. Indem die Zünfte Ihre Mitglieder einer strengen kollektiver Disziplin unterwarfen, verteidigten sie vor allem die Privilegien der Zunftgenossen gegen jede Konkurrenz von außen. In Paris war die Herstellung von Uhren das Privileg der in der Zunft der Uhrmacher zusammengeschlossenen Meister. Diese Korporation war, nachdem Uhren vorher von verschiedenen metallbearbeitenden Handwerken hergestellt und repariert worden waren, im Jahre 1544 gegründet worden.

1646 und mehrmals zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden die Zunftstatuten erweitert und bestätigt. Für den hier betrachteten Zeitraum und bis zur Abschaffung des Zunftwesens in der Französischen Revolution galten im Allgemeinen die folgenden Bestimmungen: Jeder Meister durfte nur einen Lehrling ausbilden, die Lehrzeit begann in der Regel im Alter von 12 bis 14 Jahren und dauerte acht Jahre. Söhne von Meistern mussten anderen Bewerbern für eine Lehrstelle vorgezogen werden. Die Zahl der Lehrlinge war klein, zwischen 1695 und 1705 gab es beispielsweise in Paris 60 Lehrlinge, zwischen 1738 und 1748 nur 25. An die Lehrzeit schloss der Gesellenzeit an, die der beschränkten Anzahl der Meisterstellen wegen in der Regel eine Zeit des Wartens war und oft lebenslang dauern konnte.

Um zur Meisterprüfung zugelassen zu werden, musste der Geselle in Paris Lehrling gewesen und über 20 Jahre alt sein, zudem musste er als Meisterstück eine Uhr mit Weckvorrichtung oder Repetition in einem Gehäuse nach eigener Wahl herstellen und beträchtliche Gebühren bezahlen. In den Statuten von 1646 war die Zahl der Meister in Paris auf 72 festgelegt worden, am Ende des 18. Jahrhunderts betrug sie allerdings ungefähr 180. Die Kontrolle der zünftigen Uhrenherstellung in Paris oblag den vier Jurés oder Gardes Visiteurs. Diese vier Meister wurden jeweils für zwei Jahre gewählt. Sie überwachten die Einhaltung der Zunftstatuten und hatten das Recht, die Werkstätten und Arbeiten der Zunftgenossen jederzeit zu inspizieren. Beim Tod eines Meisters hatte die Witwe das Recht, die Werkstatt ihres verstorbenen Mannes weiterzuführen, solange sie sich nicht wiederverheiratete. Sie genoss alle Privilegien der Zunft, durfte jedoch keine Lehrlinge ausbilden.

So führte beispielsweise die Witwe des 1743 verstorbenen Uhrmachermeisters Jacques Gudin während rund 30 Jahren dessen Werkstatt unter dem Namen »Gudin à Paris« weiter. Die oben angeführten Angaben über die Anzahl der Meister in Paris zeigen, dass zwischen Zunftstatuten und Wirklichkeit eine beträchtliche Differenz bestand. Der Grund dafür liegt im Umstand, dass der König das Recht hatte, sich über die Zunftstatuten hinwegzusetzen und außerordentliche Meisterschaften zu verleihen. Davon konnten einerseits jene Uhrmacher profitierten, welche die formalen Anforderungen für die Zulassung zur Meisterschaft nicht erfüllten, andererseits nahm die Zunft mehrmals mit königlicher Erlaubnis eine größere Zahl von Meistern gegen eine massiv erhöhte Gebühr auf, um mit diesen Einnahmen außerordentliche Steuern bezahlen zu können, die ihr vom absolutistischen Staat auferlegt worden waren.

Auf diese Weise wurden beispielsweise im Jahre 1746 innerhalb von nur drei Monaten 20 neue Meister aufgenommen. Neben den Zunftmitgliedern gab es in Paris mehrere Gruppen von nicht zünftigen Uhrmachern, die ihre privilegierte Stellung einer speziellen Beziehung zum Hof verdankten. An erster Stelle sind hier die vier Uhrmacher zu nennen, welche als Valet de Chambre-Horloger Ordinaire du Roi zum königlichen Hofstaat gehörten. Während ihrer abwechselnden vierteljährlichen Dienstzeit hatten sie die königlichen Uhren in Gang zu halten und zu reparieren, mussten jeden Morgen beim Aufstehen des Königs zugegen sein und bei dieser Gelegenheit jene Taschenuhr aufziehen und richten, die der König am jeweiligen Tag zu tragen beabsichtigte.

Eine weitere Gruppe waren die vier Marchands Horlogers Privitigiis du Roi suivant la Cour et Conseils de Sa MaJesté, die sich selbst meist etwas kürzer Horloger Priviligi du Roi oder sogar nur Horloger du Roi nannten. Dieses käufliche Amt war im ausgehenden Spätmittelalter in der Zeit des Reisekönigtums entstanden und verlor mit der Etablierung des Hofes in Versailles allmählich seinen ursprünglichen Zweck, nämlich die Versorgung des königlichen Hofes auf Reisen. Die Marchands Privilgis genossen gesetzliche und steuerliche Vorteile, ihr Titel wurde allgemein höher als die Meisterschaft eingestuft.

Die dritte Gruppe von Uhrmachern mit spezieller Bindung zum Hof waren jene, die im Louvre arbeiteten. Heinrich IV. hatte in den Galerien des Louvre Wohn- und Arbeitsraum geschaffen, den der König hervorragenden Künstlern und Handwerkern zur Verfügung stellte. Jene Uhrmacher, die im Louvre arbeiteten, nannten sich in der Regel ebenfalls Horloger du Roi. Auch sie standen außerhalb der Kontrolle durch die Zunft und konnten zwei Lehrlinge gleichzeitig aufnehmen, die nach nur fünf Jahren Lehrzeit, ohne ein Meisterstück anfertigen und Gebühren zahlen zu müssen, die Meisterschaft in Paris oder einer anderen französischen Stadt erlangen konnten.

Neben der besonderen Beziehung zum Hof, die einem Uhrmacher die Existenz außerhalb der Zunft ermöglichen konnte, gab es innerhalb der Stadt auch einige zunftfreie Bezirke feudalen Ursprungs. Es waren dies insbesondere geistliche Territorien - meist Klöster und Spitäler -, in denen so genannte horlogers ouvriers libres ihr Handwerk frei, das heißt ohne Meister oder Geselle zu sein, ausüben konnten. Wie viele Uhrmacher hier außerhalb der Korporation ihre Werke herstellten, ist nicht bekannt. Ihre Zahl muss aber beträchtlich gewesen sein, wenn man die Handwerker insgesamt als Vergleichsgröße beizieht. Allein in der im Osten der Stadt vor der Bastille gelegenen Vorstadt Saint-Antoine arbeiteten nämlich im 18. Jahrhundert etwa 30'000 Handwerker verschiedenster Berufe, dies entspricht etwa der Anzahl aller damals in den Zünften der Stadt organisierten Handwerker zusammen.

Die rechtliche Gleichstellung aller Uhrmacher in Paris brachte - nachdem ein erster Versuch durch Turgot im Jahre 1776 kläglich gescheitert war - schließlich die Revolution, die am Ende des 18. Jahrhunderts sowohl mit den königlichen Privilegien als auch mit der korporativen Wirtschaftsordnung Schluss machte. Nicht nur nach den bis jetzt betrachteten rechtlichen Kriterien unterschieden sich indessen die Pariser Uhrmacher untereinander, es gab auch bezüglich der Produkte eine deutliche Differenzierung.

Die »Enzyklopädie« unterschied im Artikel zur Uhrmacherei in der Mitte des 18. Jahrhunderts drei Gruppen: Die horlogers-grossiers, die eher zum Handwerk der Schmiede und Schlosser gehörten und Turmuhren herstellten, die Taschenuhren produzierenden ouvriers en petit und schließlich die uns interessierenden horlogers-penduliers. Im 18. Jahrhundert stellten die meisten Uhrmacher in Paris allerdings sowohl Taschenuhren als auch Pendeluhren her, sie waren also gleichzeitig ouvriers en petit und horlogers-penduliers. Eine Pendeluhr wurde nicht in allen Einzelteilen von einem Uhrmacher allein hergestellt. Die Uhrenherstellung war früh durch eine weitgehende Arbeitsteilung charakterisiert und der Uhrmacher, der schließlich seine Signatur auf dem fertigen Werk anbrachte, war in den meisten Fällen weniger dessen Hersteller im wörtlichen Sinne als vielmehr der Organisator eines komplexen Produktionsprozesses. Er ließ die einzelnen Teilarbeiten von Spezialisten ausführen, die - mit Ausnahme der Gehäusemacher - kein zünftiges Handwerk betrieben.

Die »Enzyklopädie« nennt 15 derartige Teilarbeiter und Teilarbeiterinnen, die an der Herstellung einer Pendeluhr beteiligt waren: 1. fondeur pour les roues (gießt Räder und Platinen), 2. faiseur de mouvement en blanc (bearbeitet die Räder und Triebe in roher Form), 3. fendeuse (schneidet die Räder), 4. faiseur des ressorts (stellt die Federn her), 5. faiseur de lentilleslfaiseur de poids (macht die Pendellinse, die Gewichte und die Zeiger), 6. graveur (graviert die Messingzifferblätter), 7. polisseur (poliert die Messingteile), 8. imailleur (macht die Emailzifferblätter), 9. ouvrier qui argente les cadrans de cuivre (versilbert die Messingzifferblätter), 10. ciseleur (fertigt die Bronzegehäuse an), 11. Ainiste (macht die Holzgehäuse mit Einlegearbeiten), 12. doreur (vergoldet die Bronzeteile), 13. metteur en couleur (bemalt die Bronzeteile des Gehäuses), 14. fondeur qui fait les timbres (gießt, dreht und poliert die Glocken), 15. finisseur (poliert die Zapfen, setzt die Eingriffe, baut die Hemmung ein usw.).

Der finisseur war identisch mit dem eigentlichen Uhrmacher, er setzte die Einzelteile zusammen und arbeitete bei Bedarf Einzelteile nach, er stellte die Uhr fertig und kontrollierte ihren Gang. Die Aufzählung der »Enzyklopädie« vermittelt einen Eindruck von der Vielzahl der an der Herstellung einer Pendeluhr beteiligten Personen, im konkreten Fall konnte der Produktionsprozess aber in noch mehr oder auch in weniger Teilarbeiten unterteilt sein. Pariser Uhrmacher kauften im 18. Jahrhundert zum Teil auch ganze Rohwerke, so genannte blancs für Pendeluhren, und zwar meistens in Dieppe. In diesem Fall organisierte der Uhrmacher lediglich die Nacharbeit und setzte dann das Werk ins Gehäuse ein.

 

Die Gehäusemacher

Unter den verschiedenen in der »Enzyklopädie« aufgeführten Teilarbeiten, die zur Herstellung einer Pendeluhr notwendig waren, verdient die Produktion der Gehäuse besondere Beachtung. In diesem Bereich spielten die französischen Handwerker während des ganzen 18. Jahrhunderts und europaweit eine führende Rolle, während sich damals in der Uhrmacherei immer häufiger englische Produzenten besonders hervortaten. In Paris waren die Hersteller von Gehäusen für Pendeluhren in Holz und Bronze den Uhrmachern in dem Sinne durchaus ebenbürtig, als sie auch in Zünften organisiert waren und nicht nur als Zulieferer für die Uhrmacher arbeiteten, sondern offenbar umgekehrt mehrheitlich die Uhrmacher als Zulieferer für sich arbeiten ließen. In der ersten Hälfte unseres »langen 18. Jahrhunderts« dominierten Gehäuse aus Holz, in der zweiten Hälfte solche aus Bronze und weiteren Materialien wie beispielsweise Porzellan oder Marmor.

Der Schreiner (menuisier) stellte Möbel aus Massivholz her, er fertigte in der Regel auch das rohe Gehäuse einer Pendeluhr. Der Kunstschreiner oder Ebenist (ebiniste) dagegen war der eigentliche Gehäusemacher. Er verzierte das rohe Gehäuse mit Einlegearbeiten aus exotischen Hölzern, Schildpatt, Elfenbein, Horn, Perlmutt und verschiedenen Metallen sowie mit Beschlägen aus vergoldeter Bronze. Bei dieser auch als Marketerie bezeichneten Technik wurden nach einer Vorzeichnung mit einer Laubsäge die einzelnen Teile des Marketeriebildes aus den verschiedenen Materialien ausgesägt, zusammengefügt, in das Grundfurnier eingelegt und aufgeleimt.

Für Uhrengehäuse häufig verwendet wurden Metalleinlagen - meist Zinn, Messing und Silber - in Schildpattgrund (premirepartie) oder die umgekehrte Form, Schildpatteinlage in Metallgrund (contre-partie). Die Marketerlen wurden zusätzlich oft noch graviert. Die Ebenisten gehörten zur Zunft der Schreiner (menuisiers). Allerdings waren viele Ebenisten in Paris Ausländer und konnten deshalb nicht Mitglied der Zunft werden. Ein großer Teil von ihnen stammte aus Deutschland, Holland und Flandern und lebte und arbeitete in der Vorstadt Saint-Antoine als ouvriers libres. Deutsch sei deshalb dort vor 1750 unter Ebenisten eine durchaus geläufige Sprache gewesen. Auch der wohl berühmteste Ebenist der Epoche, André-Charles Boulle (1642 - 1732), war ausländischer Herkunft, seine Familie stammte aus Holland. Bereits mit 30 Jahren galt Boulle als hervorragender Handwerker, er erhielt 1672 das königliche Privileg, sich in den Galerien des Louvre niederzulassen und dort zu arbeiten. Boulle entwickelte die Marketerie, die Einlegearbeit auf einem furnierten Möbel, zu einer derartigen Meisterschaft, dass diese seither oft synonym als »Boulle-Technik« oder als »Boulle-Marketerie« bezeichnet wird? Mit Ausnahme der Arbeiten Boulles und einiger weniger anderer Ebenisten sind Gehäuse für Pendeluhren mit Einlegearbeiten kaum einem einzelnen Handwerker zuzuschreiben. Der Grund dafür liegt erstens im Umstand, dass die Zunftvorschriften der Ebenisten erst seit 1744 eine Signatur der Gehäuse verlangten, zweitens im langsamen Verschwinden von Holzgehäusen mit Einlegearbeiten nach dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts und drittens in der Tatsache, dass ein großer Teil der Ebenisten als ouvriers-libres sowieso außerhalb der Zunft stand und daher von dieser Vorschrift auch nach 1744 nicht betroffen war.

Zwischen 1730 und 1740 löste vergoldete Bronze die Marketerie auf Holz als häufigstes Material bei Gehäusen für Pendeluhren ab. An der Herstellung feuervergoldeter Bronzegehäuse für Pendeluhren waren hauptsächlich die Bronzegießer und -ziseleure (Zunft der fondeurs-ciseleurs) und die Metallvergolder (Zunft der fondeurs-ciseleurs) und die Metallvergolder (Zunft der doreurs sur italix) beteiligt. Nicht alle Bronzeproduzenten stellten auch Uhrengehäuse her, die Produktpalette war breit und führte zu Spezialisierungen: Beschläge, Leuchter, Krüge, Kaminböcke, Türklopfer, Kerzenhalter, Kandelaber und vieles andere mehr wurden seit dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts in Paris aus feuervergoldeter Bronze hergestellt.

Gegen 1800 gab es in Paris ungefähr vierzig Werkstätten, die Uhrengehäuse in Bronze produzierten. Die Bronzegießer führten in der Regel Aufträge aus, die sie von Ziseleuren, Vergoldern und marchands-nierciers, aber auch von Ebenisten und gelegentlich wohl auch von Uhrmachern erhielten. Die Herstellung von Bronzegehäusen für Pendeluhren war aufwendig und schwierig: Am Anfang stand meist ein zeichnerischer Entwurf, von dem anschließend ein Modell aus Lehm, Wachs, Gips oder Holz erstellt wurde. Flache Reliefstelle konnten anschließend im vergleichsweise einfachen Sandgussverfahren produziert werden. Dabei wurde vom Modell in einer Kiste mit Gießsand ein Negativabdruck erstellt, der mit Bronze ausgegossen werden konnte. Weit komplizierter war der Guss vollplastischer Figuren im Wachsausschmelzverfahren.

Um das Modell mehrfach verwenden zu können, erstellte man als Negativform zuerst einen Gipsabguss und von diesem wiederum die auszugießende Wachsform. Diese Form erhielt ebenfalls aus Wachs verschiedene Kanäle aufgesetzt, durch die dann beim Guss einerseits die Bronze einfließen und andererseits die Luft entweichen konnte. Anschließend überzog man die so vorbereitete Gussform mit einem Erdgemisch und härtete das Ganze über dem Feuer. Bei diesem Vorgang floss das Wachs aus und hinterließ einen Hohlraum, in den dann die flüssige Bronze eingegossen werden konnte. Die Gussformen blieben Eigentum des Auftraggebers, der damit eine richtiggehende Serienproduktion starten und auf diese Weise - solange das Modell dem Geschmack des Publikums entsprach - seine kostspielige Vorlage amortisieren konnte. Dazu musste er erneut eine Negativform erstellen, entweder vom Originalmodell oder vom eben gegossenen Objekt (surmoulage). Die zunehmende Standardisierung der Größe von Uhrwerk, Zifferblatt und Pendel erleichterte die Wiederverwendung von Gussformen. So wurde beispielsweise in der Mitte des 18. Jahrhunderts das Gehäuse »Entführung der Europa« in beträchtlicher Anzahl und mehreren Variationen hergestellt.

Wenige Jahrzehnte später erfreute sich die Pendeluhr in Liraform großer Beliebtheit. Blattwerk, Girlanden, Blumenbouquet und die beiden Adlerköpfe aus vergoldeter Bronze fanden bei diesem Uhrentyp breite Verwendung. Gehäusemacher begannen immer häufiger, ihre Produkte am Lager zu halten und waren dadurch fähig, die Kundschaft ohne Lieferzeiten zu bedienen. Die hohen Entwicklungskosten für eine neue Gussform verleiteten manchen auch zum Plagiat, indem er von fremden Gehäusen einen Abguss herstellte, der wiederum als Gussform für ein eigenes Gehäuse diente. Vergoldet wurden die Bronzegehäuse auf unterschiedliche Art und Weise.

Die Feuervergoldung, die so genannte dorure dor moutu war die häufigste Vergoldungsart: Die Bronze wurde dabei zuerst mit Säure gereinigt und anschließend ein Amalgam aus Quecksilber und Gold aufgetragen. Dann setzte man das Bronzestück der Hitze eines offenen Feuers aus, das Quecksilber verdampfte und das Gold blieb auf der Bronze zurück. Wiederholte man die Prozedur, ließ sich eine dickere und dauerhaftere Goldbeschichtung erzielen. Für feuervergoldete Bronzen zahlten in erster Linie die Arbeiter in den Vergoldungswerkstätten einen hohen Preis: Das verdampfende Quecksilber führte bei diesem Verfahren zu schweren Gesundheitsschäden und häufig zum frühen Tod. Weil keine andere Vergoldungsmethode die Qualität der Feuervergoldung erreichte, wurde dieses Verfahren aber bis weit ins 19. Jahrhundert hinein angewendet. Am Beispiel von Pendeluhren mit feuervergoldeten Bronzegehäusen wird auch deutlich, dass bei diesem Uhrentyp das Gehäuse nicht nur in ästhetischer sondern auch in ökonomischer Hinsicht im Vordergrund stand.

Teilt man nämlich die Produktionskosten auf die verschiedenen an der Herstellung beteiligte Handwerker auf, ergibt sich folgendes Bild: Vom Gesamtpreis entfielen in der Regel auf den Modellentwurf etwa 10 Prozent, auf den Guss 20 Prozent, auf die Ziselierung 30 Prozent, auf die Vergoldung 30 Prozent und auf das Uhrwerk lediglich 5 - 10 Prozent.

Die marchands-merciers

Wer im 18. Jahrhundert in Paris eine Pendeluhr kaufen wollte, tat dies mehrheitlich nicht bei einem der eigentlichen Produzenten, er wandte sich an einen Händler, an einen marchand-mercier. Die marchands-merciers gehörten den prestigeträchtigen six corps an, dem Zusammenschluss der sechs Handel treibenden Zünfte in Paris. Im Gegensatz zu den Tuch-, Gewürz-, Pelz-, Strumpfwaren- und Schmuckhändlern, die zu einem beträchtlichen Teil ihre Produkte auch selber herstellten, waren die marchands-merciers ausschließlich Händler, in den Worten eines Zeitgenossen: marchands de tout, faiseurs de rien. Während andere Handwerke und Gewerbe allein die Produkte verkaufen durften, die sie selber hergestellt hatten, war es das Privileg der marchands-merciers, Erzeugnisse aller Art und jeglicher Provenienz im Sortiment zu führen. Im Gegenzug achteten die anderen Zünfte streng darauf, dass die marchands-merciers nichts selber produzierten. Ihre Zunft hatte im 18. Jahrhundert zwischen 2000 und 3000 Mitglieder. Um aufgenommen zu werden, musste ein Kandidat Franzose sein, eine dreijährige Lehrzeit absolviert und anschließend weitere drei Jahre bei einem Meister gearbeitet haben sowie zusätzlich die stattliche Summe von 1000 livres bezahlen.

Die Zunft war nach den gehandelten Produkten in 20 Untergruppen aufgeteilt. So führten beispielsweise Händler, die Spiegel verkauften, in der Regel keine Papierwaren im Sortiment und wer sich auf Rohseide spezialisiert hatte, ließ die Finger von Metallwaren. Uhren wurden hauptsächlich von der Gruppe der Kunst- und Luxusprodukthändler verkauft, die in ihrem meist recht breiten Sortiment auch Gemälde, Wandleuchter, Bronzen, Möbel, Porzellan usw. führen konnten.

Obschon es einem marchand-mercier strikte verboten war, selber zu produzieren, beschränkte sich seine Arbeit nicht nur auf den Verkauf von Luxusgütern im Ladengeschäft. Er durfte diesen den letzten Schliff geben, sie verzieren (enjoliver). Dieses Recht gab dem Händler die Möglichkeit, einerseits auf Kundenwünsche individuell einzugehen und andererseits neue Produkte aus Einzelteilen nach seinen eigenen Vorstellungen zusammenzusetzen. Inventare von Pariser marchands-merciers aus dem 18. Jahrhundert zeigen denn auch immer wieder, dass diese nicht nur Fertigprodukte am Lager hielten, sondern auch Bestandteile wie beispielsweise Uhrengehäuse, Bronzebeschläge, Tischbeine usw. Dadurch kam ihnen bei der Organisation und Koordination der Produktion eine Schlüsselrolle zu: Sie ließen bei verschiedenen spezialisierten Handwerkern einzelne Bestandteile anfertigen, die sie anschließend nach ihren Plänen und Vorstellungen zu einem Ganzen zusammensetzten.

Die marcbands merciers waren auf diese Weise durchaus gestaltende Künstler, ihre Arbeitstechnik war das Verbinden und Zusammensetzen. An keinem Produkt zeigt sich dies deutlicher als an den aus verschiedenen Materialien bestehenden Pendulen. So arbeitete beispielsweise der marcband-mercier Nicolas Guillaume Daustel im Jahre 1713 mit drei Ebenisten, zwei Bildhauern, einem Spiegelmacher, einem Uhrmacher, einem Vergolder und einem Marmorlieferanten zusammen. Und zu den Gläubigern von Simon Henri Delahoguette, einem marchandmercier der sich offenbar ganz auf Uhren spezialisiert hatte, gehörte 1768 ein sculpteur en bronze, ein maitre fondeur cizeleur, ein maitre doreur argenteur et c’zeleur sur mitaux und zwei Uhrmacher. Delahoguette hatte in seinem Lager auch ein fertiges Uhrengehäuse sowie mehrere Gehäuse, die noch nicht vergoldet waren, vorrätig.

 

Der Service

Alle diese kostbaren Schätze der Uhrmacherei und der Handwerkskunst schlechthin, unterliegen den Auswirkungen der Zeit. Wenn Uhren in Betrieb sind, zeigen sie auch bei sorgfältigster Pflege und Wartung, einen gewissen Verschleiß. Zwar hat man heute eine Vielzahl von Hochleistungsschmierstoffen, welche den Metallabrieb in den Uhrwerken bei regelmäßigem Wechsel auf ein Minimum beschränken, aber meist werden Uhren erst dann einem Fachmann übergeben, wenn bereits der Stillstand eingetreten ist. Dass auch Uhrwerke, genau wie andere Maschinen in gewissen Intervallen ihren speziellen Service nötig haben, hat sich immer noch nicht überall herumgesprochen. Fast alle Schäden in wertvollen, alten Uhren, sind durch Servicemängel entstanden. Fast alle Schäden an Lagern, Lagerzapfen, Verzahnungen, Hemmungen, Hebeln usw. hätten durch rechtzeitigen und fachgerechten Service entweder vollkommen vermieden, oder zumindest in Grenzen gehalten werden können. In fast jedem Fall, wo eine Uhr, trotz gespannter Feder oder hochgezogener Gewichte nicht laufen will, liegt ein schwerer mechanischer Schaden zugrunde, der durch mangelnden Service verursacht wurde. Stellen Sie sich einmal vor was passieren würde, wenn Sie Ihr Auto erst dann zum Service bringen, wenn sich der Motor wegen Ölmangel verabschiedet hat! Genau das machen aber die Meisten mit ihren unersetzlichen, historischen Uhren!!!

Leider gibt es immer wieder folgenden Fall bei Großuhren: Ein servicebedürftiges Uhrwerk wird "gereinigt", was dann so aussehen kann: Das unzerlegte Räderwerk wird in einen Eimer mit Benzin gesteckt, verbleibt darin einige Minuten, wird kurz geschüttelt und - ist "gereinigt"! Noch schnell ein paar Tropfen Nähmaschinenöl ran, oder gar mit der Sprühöldose einjauchen, das war dann der ganze "Service". Das Schlimmste dabei ist jedoch: Meist laufen die armen misshandelten Werke danach sogar, nachdem sie zuvor wegen festsitzender Lager und Ölmangel vollständig außer Funktion waren. Uns so verschlimmern sich die Fehler, laufen Zapfen, Lager und Wellen ein, fressen sich tiefe Gräben in ehemals spiegelglatte Oberflächen. Irgendwann, meist recht schnell, steht die Uhr wieder und will nun absolut nicht mehr anlaufen.

Die Reparatur

Nun helfen keinerlei halbgare Maßnahmen mehr, jetzt muss endgültig ein Fachmann Hand anlegen. Und zwar einer, der zu mehr in der Lage ist, als "nur" einen fachgerechten Service durchzuführen. Dazu gehören Werkzeuge und Einrichtungen, die heutzutage bei vielen Uhrmachern nicht mehr vorhanden sind. Dinge, die in den Bereich des Uhrenbaus gehören und die bei einer fachgerechten Wartung nie nötig gewesen wären. Mit dem richtigen Fett, dem richtigen Öl zur richtigen Zeit. Nun aber sind nicht mehr zu beschaffende Bauteile oft derart schwer beschädigt, dass sie mit normalen Mitteln nicht mehr zu reparieren sind.

Womit es meist dennoch bewerkstelligt werden kann, lesen Sie hier

Wie man es´bewerkstelligen kann, hier: und auch hier

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