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Mechanische Uhren sind veraltet, überteuert und völlig nutzlos und eigentlich doch nur etwas für Angeber

Text: Ulrich Wehpke

Erwartet hier auch nur ein Mensch, dass ich lauthals Protest schreie? Wirklich? Angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeit gegenüber den fortschrittlichen, lautlosen, genaueren und leichteren Quarzuhren? Zeig mir doch mal jemand auch nur eine einzige mechanische Armbanduhr mit Beleuchtung, mit eingebautem Rechner oder digitalem, internetkompatibelem Fotoapparat! Oder meinetwegen auch nur Eine mit einer Gangreserve von mehreren Jahren! Ich will ja gar nicht weiter ausholen und die Gemeinde der ewig Gestrigen noch weiter frustrieren, obgleich ich sie schon schreien höre. Immer die gleichen, gleich unzutreffenden, gleich schönfärberischen Argumente! Ticktackfetischisten! Edelste Uhrmacherkunst, Handarbeit, feinste Finnisierung, Manufakturerzeugnis, Kom-pli-ka-tio-nen, Schwei-zer-Strei-fen, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Ich halte dagegen: Montagebänder, Roboter, Laserbohr- Schneid- und Gravierautomaten. Computergesteuerte Fräs-Dreh-und Wälzautomaten mit automatischer Materialzuführung und ebensolchem Werkzeugwechsel! Wo bleibt denn da das ‚Manu‘? Gottbewahre, nur das nicht! Um Gottes Willen, die Finger weg! Nur keine Hand in den Produktionsprozess bringen, die Dinger sollen ja schließlich funktionieren! Im Gegenteil, je weniger Hand im Spiel ist, um so weniger Fehler treten hinterher auf.

Statt des Kultes um die sich am Arm oder in der Hosentasche abzappelnden Getriebe mit Ladehemmung, sollte man eigentlich einen Fanclub für die verschiedenen Robotertypen gründen, dann träfe die Verehrung der Gläubigen wenigstens einmal die wirklichen Leistungsträger. Oder sollte man besser gleich die Steckdose zum Altar umfunktionieren? Wo sind sie denn eigentlich, die Uhr- Macher?! Kennt jemand einen? Ich nicht! Oder doch, halt, stop! Meister Luis Blank, der hat eine gebaut. Ganz für sich. So nur für den eigenen Spaß. Mit ewigem Kalender und Mondphasenanzeige! Aber die kann man kaum um den Arm binden, höchstens in den Arm nehmen, denn sie wiegt ungefähr 20 Kilo. Außerdem wäre das lange Pendel am Arm doch recht hinderlich. Ja, das ist noch ein Uhr- Macher, aber ich fürchte, einer der letzten seiner Zunft! Der normale Uhrmacher macht ja alles mögliche, nur keine Uhren. Ich habe hier im Forum sogar schon gelesen, dass es Uhrmacher geben soll, die man nach einer vollbrachten Reparatur besser wegen Sachbeschädigung belangen sollte. Schlimm! Aber das Problem hat sich ohnehin bald von selbst erledigt, denn wenn ich mir die Ausbildungszahlen anschaue, kann der Beruf in ein paar Jahren wohl nur noch als Geheimbund bezeichnet werden. Die Roboter, oder besser gesagt ihre Herren, produzieren denn auch schon heimlich Schippen, damit der letzte Uhrmacher endlich begraben werden kann. Die stören nämlich mehr, als sie nützen, vor allem aber, nerven sie! Alles läuft automatisch, automatische Materialbeschaffung, automatische Materialsilos, automatische Produktion bis zum Bandanbringen, sogar automatische Rechnungsstellung, und dann wollen diese Nervheinis Ersatzteile! Woher denn nehmen? Etwa die Produktion stoppen und die Roboter beklauen? Wie stellen die sich das überhaupt vor? Naivlinge! Was wollen die, Uhren reparieren? Nein und noch mal nein! Das ist vorbei, ein für alle Male! Wenn die Herstellungskosten einer Uhr ohnehin zu 90% oder mehr in Betriebsgebäuden, Konstruktion, Maschinen, Einrichtung der Produktionsanlaggen, Vertrieb, Promotion und dergleichen liegen, dann spielt es doch wirklich kaum eine Rolle, ob nun 1000.000 oder noch 50.000 mehr von den Tickern produziert werden. Das Bißchen an Material- oder Stromkosten was da auf ein einzelnes Uhrwerk entfällt, das macht doch wirklich kaum noch die Hälfte! Und da soll man noch zulassen, dass normale Uhrmacher die Uhren reparieren? Soll man sich etwa den guten Namen versauen lassen, der mit so viel Geld und Mühe aufgebaut wurde? Nix da! Reparaturen gehören ins Werk! Neues Werk, neue Uhr – das ist die Devise! Na ja, die Besten von den alten Werken kann man ja durch eigene Leute, oder durch Vertragswerkstätten, streng nach Werksnormen versteht sich, zurecht machen lassen. Alle beweglichen Teile raus und neue rein, Geld spielt keine Rolex! Wozu braucht man da denn noch richtige Uhrmacher? Servicemonteure, das reicht doch völlig! Und wie gesagt, Uhrmacher gibt’s bald ohnehin keine mehr, aber die Roboterchen werden gottlob immer besser und für den saftigen Reparaturpreis sitzt eh ein neues Werk, oder auch eine ganz neue Uhr, kostenmäßig ohnehin schon lange drin...

Bleibt immer noch die Frage, warum tun die Leute sich das an! Warum nur, kauft sich jemand ein solches anachronistisches, antiquiertes, unkomfortabeles und manchmal sogar schlecht funktionierendes Spielzeug? Also, am Beliebtesten sind immer diejenigen Modelle, die ohnehin nicht zu bekommen sind. Aber da gibt es dann zwei Kategorien von Befallenen. Ja, wirklich! Uhren sind eine Krankheit, und die befällt einen nun mal. Die Einen sparen sich die Pfennige vom Munde ab, – Verzeihung, heute sind das ja Cente, daher wollen die auch immer Pro- Cente! Auch dann, oder gerade dann, wenn sie nur knapp die Hälfte der nötigen Summe zusammengekratzt haben, dann hat das blöde Knausern wenigstens ein Ende. Die Anderen schießen sich heimlich ein Fake und tun so als ob! Das sind dann gewissermaßen die Hochstapler. Die nicht ganz so Abgebrühten, aber nichtsdestoweniger Naiven, drücken sich mit der Nase förmlich Fettflecken auf den Monitor, wenn sie E-bay aufgeschlagen haben. Was gibt es da doch für schöne Uhren! Bei derchrono zum Beispiel! Alles echt Gold! Davon dass dieses nur aufgehaucht wurde, aber kein Wort! Bestenfalls werden diese drei oder vier Atomlagen Edelmetall zu Plattierungen hochstilisiert. Aber das merkt dann ja keiner. Noch nicht. Und Namen haben sie, wohlklingende, vielversprechende Namen! Dann die Fotos! Hochglanzprospekt auf Bildschirmbasis! Wenn die Machwerke nur halb so gut wären wie ihre Fotos, wäre sicherlich jeder Preis gerechtfertigt! So aber, gibt’s nur einen Preis: Einen Sonderpreis für Dummheit. Und den dürfen sich die armen Irren dann um den Arm binden und der Welt zeigen! Warum, um alles in der Welt, muss es eigentlich immer eine Marke sein? Der Anfang allen Übels! Selbst wenn die Marke gar keine Marke ist, sondern nur so tut? Was ist nur das Faszinierende daran? Rolex, Audemars Piguet, Patek Philippe, und wie sie alle heißen, ehrfürchtig flüstern die Besessenen diese Namen. Wie satt das über die Zunge rollt: Concorde! Eine Gänsehaut lässt den Besessenen erbeben, wenn er diese Namen in den Mund nimmt. Und was dann passiert, wenn er erst mal eine hat! Eine Echte! Dieser Kult! Da wird eigens eiligst ein Uhrenbeweger angeschafft, denn eine lagernde, stehende Uhr verschleißt merkwürdigerweise viel schneller, als eine laufende! Überhaupt wird alles auf den Kopf gestellt, nicht nur Logik und Physik. Merkwürdigerweise geht mit dem Besessenen alsbald eine tiefgreifende Veränderung vor: Die Exclusivität der Uhr, ihre Präzision, ihre Werthaltigkeit, ihre Klasse, all dies überträgt sich in mystischer und nicht nachvollziehbarer Weise auf den Träger! Mitunter leidet er jedoch in der Folge an Bewegungsstörungen, also nicht etwa, dass er anfinge zu humpeln, oder dass er sich nicht mehr bücken könnte, aber die Bewegungsfähigkeit der Arme wird manchmal deutlich sichtbar in Mitleidenschaft gezogen. Der linke Arm zum Beispiel, schiebt sich bei manchen völlig selbsttätig aus dem Schultergelenk und wird lang und länger. Wird er angewinkelt, bleibt er oft auf halber Höhe also etwa brusthoch hängen und verharrt mitunter wie gelähmt in dieser Stellung, mit angewinkelter Hand, gleich einem karateparodierenden Pantomimen. Das Zifferblatt präsentierend wie die Eintrittskarte für die bessere Gesellschaft, unübersehbar und als unwiderlegbares Argument der Dazugehörigkeit zu eben dieser, in kindlicher Erwartung der Bewunderung und sich jedermann aufzwingend. Mitunter begehen Besessene die merkwürdigsten Dinge: So ist mir einer von ihnen noch recht gut im Gedächtnis, der mit einer Tudor, einem Rolex Zifferblatt und einem ebensolchen Armbandschloss bei einem Uhrmacher auftauchte, wohl in der infantilen Vorstellung, der Uhrmacher könne aus einer Tudor eine Rolex machen. Ein Anderer gar, brachte seine Sakkos zum Schneider und ließ die linken Ärmel kürzen!

Nur bei meinem Freund Uwe, bei dem war alles anders. Sein Bruder hatte ihm aus Singapur eine Rolex mitgebracht. Eine Seamaster, echt zwar, aber noch mit dem alten 1570-Werk. Dafür hat sie denn damals auch nur 700 Mark gekostet. Bei Uwe hatte sogar eine Rolex nichts zu lachen. Getreu dem Motto ‘wenn sie das nicht aushält, hätte sie keine Rolex werden dürfen, jedenfalls bei mir nicht‘, trägt er das gute Stück vom ersten Tage an bei allen Arbeiten. Auf dem Bau, beim Zementmischen genau so wie beim Mauern, er repariert damit seine Autos und wuselt auf diversen Schrottplätzen herum. Gleich am ersten Tag hatte er schon das Glas ruiniert. Darauf wurden etwa 60 DM für ein Neues fällig, was ihn dann immerhin wenigstens etwas vorsichtiger werden ließ. Diese Uhr hat wahrhaftig einiges mitmachen müssen. Einmal, da hatte er sie verlegt. Nach fast zweitägigem Suchen fand er sie merkwürdigerweise Tiefkühlfach wieder, wußte aber mit Stolz zu berichten, dass seine Uhr noch lief als er sie aus 23 Grad Minus auftaute. Ein anderes Mal klapperte Uwes Waschmaschine wie verrückt, als seine Kochwäsche nach dem Waschprozess geschleudert wurde. Auch das hat das gute Stück ohne erkennbare Schäden überlebt. Eigentlich sollte Uwes Uhr längst bei Rolex im Museum liegen, als meiststrapazierte Uhr der Welt oder so. Aber er gibt sie nicht her. Wenn mal wieder die Rotorachse platt ist weil ihm das Ding vom Dach fiel, dann ist er ganz krank bis er sie wieder am Arm hat. Dann sind sie wieder vereint, die beiden Unzertrennlichen. Selbstredend hat Uwe keine Frau, wie auch, die hätte den Sturz vom Dach bestimmt nicht so gut verkraftet. Aber am Besten ist es immer, wenn Uwe einem anderen Rolexträger begegnet, möglichst einem der eine ganz Neue hat. Eine die noch keinen, noch so kleinen Kratzer hat und die nachts in Watte gepackt im Geldschrank verschwindet, aus Furcht es könnte ein rolexgieriger Einbrecher kommen und ihm im Schlaf den Edelticker korrekt abziehen. Dann zeigt er voller Stolz seine vernarbte, kampferprobte Zwiebel und übersieht geflissentlich die weiße Nasenspitze seines Gegenübers. Ja, da weiß man dann endlich, warum Rolex solche Uhren baut! Uwe braucht weder eine Südpolexpedition, noch den Mariannengraben, Wenn er voller Verachtung für den Besitzerstolz seiner luxusuhrebesitzenden Mitmenschen mit dem Presslufthammer und seiner Rolex am Arm lostackert, ja, dann können die Konstrukteure schon ein wenig stolz sein! Und aus Dankbarkeit für das erwiesene Vertrauen, ließ sie ihn denn auch nie im Stich. Selbst als sie nach dem Dachsturz mit abgebrochener Rotorwelle traurig scheppernd am Arm klapperte, lief sie brav weiter. Freilich mußte sie in dieser Zeit von Hand aufgezogen werden, aber das hat ja ‚nur‘ knapp ein halbes Jahr gedauert. In letzter Zeit allerdings, mußte das Armband desöfteren repariert werden. Uwe weigert sich erfolgreich und standhaft, auch nur ein einziges Teil auswechseln zu lassen und er weiß und verlässtsich darauf: ich habe ein Laserschweißgerät. Das sei seine Uhr, die sei nun mal so und die bliebe so wie sie sei. Basta! Reparieren, ja. Aber nicht mehr. Und auf keinen Fall etwa vorhandene Schrammen beseitigen! Noch mal basta!

Langsam keimt in mir der Verdacht, dass Uwe irgendwie ein gestörtes Verhältnis zu seiner Uhr hat – aber mal Hand aufs Herz, welcher ganz normale Mensch hat denn schon so eine Uhr? Mechanisch mit Rotor, Feder und Unruh? Ein normaler Mensch trägt eine Quarzuhr, mit Rechner, Fotoapparat und Wetterkarte. Mit eingebautem Pulsmesser, Stoppuhr und Weltzeit. Und als Terminplaner kann man einige von ihnen auch noch einsetzen. Bald wird es welche geben, die als Dolmetscher verwendet werden können. Man spricht Deutsch hinein und es kommt russisch wieder heraus. Oder eine Funkuhr, die gibt es schon lange. Die schaltet sich selbst auf Sommer- oder Winterzeit um und berücksichtigt im Urlaub sogar die Zeitzonen. Ganz von selbst und natürlich mit Batterie. Alles andere ist doch nicht normal!

 

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