Quo vadis Faber aurifex
Text: Ulrich Wehpke
Na ja, die eierlegende Wollmilchsau ist ja eigentlich mein Wappentier. Nur ist es so, dass in den letzten Jahrzehnten die Situation anders geworden ist. Als Dienstleister für den Einzelhandel habe ich ja schon immer das volle Programm gefahren. Allerdings ist bei den Uhrmachern, die ja meine Kunden sind, der Sektor der mechanischen Billiguhren vollkommen weggebrochen. Statt der 15 Überholungen am Tag, macht der Uhrmacher heute Batterien raus und rein. Die paar mechanischen Werke die er heute noch bekommt (also ich meine jetzt gemessen an Früher, also in präquartziöser Zeit ;-) ), können ihn gar nicht auslasten. Außerdem sind Ersatzteile oft nicht zu bekommen.
Und so kommen all die tausende von Goldschmiedearbeitplätzen, die Rudolf Flume, Bego, Bullnheimer und wie sie alle heißen den Uhrmachern verkauft haben, zum Einsatz. Ergebnis: Collierketten und einfache Lötungen, sowie einfache Ringänderungen werden im Haus gemacht. So weit, so gut, aber es geht weiter. Durch den steigenden Kostendruck und fallende Umsätze, wurden die alten Werkstattverbindungen zu teuer, und so bekamen die Arbeitslosen, die Ehefrauen und auch so mancher Rentner mitunter ihre Chance. Aber die können ja nun auch nicht alles machen, und so erklärt es sich, dass in einer Werkstatt wie der meinen, der Schwierigkeitsgrad der vom Fachhandel angelieferten Arbeiten, ständig gestiegen ist. Da die Geschäfte durchhängen, wird einfach alles angenommen was die Kunden bringen. Unser Goldschmied macht das schon.
Die Frage ist bei uns also schon längst nicht mehr quo vadis, sondern viel grundsätzlicher. Wir bekommen keine entsprechend ausgebildeten Mitarbeiter mehr. Eine Fachkraft bei uns sollte z, B. folgende Gebiete beherrschen:
Silber: Hammerarbeiten, montieren großflächig angelegter Korpusware und deren Reparatur, solide Kenntnisse im Galvaniksektor, also Vorbehandlung unechter Ware, Versilbern, Gewichtsversilbern, Polieren, auch galvanisch, Lackieren u. Nachbehandlung der Ware. Montieren u. Polieren von Silberschmuck, anbringen von Dekorationen, Drehbankarbeiten, Laserschweißen, Fassen von Schmucksteinen in Silberzargen, sowie Krappenfassungen. Gusstechnik allgemein, also Herstellen von Wachs- Metall- oder Kunststoffmodellen, Herstellung der Gussformen in Gips, Sand oder Sepia, sowie Umsetzung und Fertigstellen der Güsse. Desweiteren, Kopierarbeiten allgemein, sowie der gesamte Reparaturbereich für Schmuck und Gegenstände aus Silber, auch Bestecke, Messerklingen befestigen usw. Herstellen von Silberlegierungen.
Gold: Reparaturbereich allgemein, Herstellen aller vorkommenden Einzelteile, wie Fassungen, Verschlüsse, Federn, Bewegungen usw, sowie deren fachgerechter Montage. Sehr solide Kenntnisse in der Behandlung u. Verarbeitung von Edel-u. Schmucksteinen Nachschleifen, polieren usw. Der gesamte Fasserbereich, also Zargen, Verschnitt, Krappen/Chatons, abgedeckte Fassungen, Restaurierung von altem Schmuck, herstellen von polierten, facettierten Unterlagen für Diamantrosen in abgedeckten Fassungen usw. Der komplette Juwelenbereich sollte beherrscht werden, deweiteren alle bekannten Gestaltungstechniken im Goldschmiedebereich, besonders für Gelb-u. Farbgolde. Feuerschweißtechniken im Edelmetallbereich, Herstellen und Verarbeiten von feuerverschweißten , mehrfarbigen Werkstoffen und ihre Verarbeitung,Oberflächentechnik incl. Galvanotechnik, Färben von Kupfer und Kupferlegierungen, Beherrschung von CAD-Software zur Herstellung von Wachsmodellen, maschinelle Herstellung von Wachsmodellen in CNC-Fräsmaschinen und Wachsplottern. Reparatur von Uhrgehäusen, Anfertigung von Glasrändern und/oder Gehäusedeckeln, Scharnieren usw. Anfertigung kompletter Uhrgehäuse und Schmuckdosen, Ausführung von Email-u. Nielloarbeiten, sowie deren Reparatur. Verarbeitung von Bandgeflechten, Kürzen, Verlängern, Anfertigung von Bandkopien zur Bandverlängerung usw.
Jetzt höre ich einfach mal auf, meine Finger tun schon weh ;-)
Es kommt nämlich noch sinngemäß dazu: der ganze Platinbereich, incl dem Vergießen der Werkstoffe, die mech. Oberflächenbehandlung, Gravieren mit Maschinen, Flachstich, Tauschieren, Treiben, Ziselieren und was weiß ich alles, es gibt ja so viel.
Wo findet der Betreiber einer Eierlegendenwollmilchsau-Goldschmiede geeignetes Personal? Wer soll oder kann derartige Überflieger überhaupt bezahlen??? Meine keineswegs vollständige Aufzählung macht jedoch das Eine vollkommen deutlich: Es gibt kaum geeignetes Personal für die Betriebe, und findet man Mitarbeiter, sind sie entweder nur in Teilbereichen einzusetzen, oder viel zu teuer, meist aber beides. Die berufliche Bandbreite, die Menge und die Schwierigkeit der fachlichen Inhalte ist auch zu groß, sie ist bestenfalls für jemand zu bewältigen, der einerseits großes Talent hat und andererseits auf einen normal gestalteten Arbeitstag verzichtet. Von Geld verdienen, brauchen wir in diesem Zusammenhang erst gar nicht zu reden. Man muss schon regelrecht besessen sein.
Quo vadis faber aurifex? Meiner Ansicht nach direkt in die Versenkung, wo andere Dinosaurier bereits verstauben, oder nur noch als Erinnerung vorhanden sind, denn wir entwickeln uns nicht weiter, sondern zurück. Das Schicksal eines mich immer noch faszinierenden, aber leider auch fossilen Berufes. Eines Berufes, der zwar der Älteste aller bekannten Metallberufe ist, der jedoch die Metamorphose in die Neuzeit bestenfalls als Hobby überleben wird, denn der Industriemoloch ist unersättlich. Ein Beruf, der eine Berufung für Besessene ist. Und das ist gleichzeitig seine große Chance!
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