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Text: Ulrich  Wehpke

Die OIA (Optical Industry Association) ist die wohl mächtigste Interessenvertretung der amerikanischen Brillenindustrie. Die von ihr geschaffenen Standards haben auch in Europa ihre Auswirkungen, da sich nicht nur der amerikanische, sondern auch der gesamte fernöstliche Herstellerraum nach ihnen richtet. So tauchen die von der OIA geschaffenen und seit einiger Zeit verwendeten Bezeichnungen und Definitionen auch bei uns auf. Was es damit auf sich hat und wo eventuelle Gefahren für den Optiker und den Kunden lauern, soll hier etwas näher untersucht werden.

Zuvor jedoch einige wichtige Anmerkungen:

Nicht alle Metalle sind beliebig mit anderen Metallen mischbar. Zwar bilden viele Metalle, wenn sie mit bestimmten anderen zusammengeschmolzen werden brauchbare Legierungen, aber andere Metalle wiederum, bauen Fremdmetalle nicht einfach in ihr Kristallgitter ein, sondern bilden harte chemische Verbindungen. Titan verbindet sich vor allem im heißen Zustand nicht nur chemisch mit den Metallen, sondern darüber hinaus mit fast allen Elementen unseres Planeten! Das macht die Verarbeitung in manchen Bereichen unmöglich und stellt die Industrie, aber auch das damit befasste Handwerk, vor Probleme. Wenngleich diese heutzutage einigermaßen beherrschbar sind, ist die hochwertige Verarbeitung doch sehr aufwendig und teuer. Da sich Titan nicht normal löten lässt, wusste man sich in der Anfangszeit der Titanbrillen-Herstellung nicht anders zu helfen, als die Teile mit Silber und/oder Kupfer-Nickel-Lot zu fügen, was zu heillosen Schwierigkeiten führte. Diese Lote konnten unter Schutzgas oder auch athmosphärisch unter Flussmittel, nur auf vernickeltem, oder mit anderen Metallen beschichtetem Titan eingesetzt werden. Leider sind diese Verfahren, obwohl wenig haltbar und somit entsprechend reklamationsträchtig, aus Kostengründen vielfach noch immer im Einsatz.

Die OIA beschränkt sich im wesentlichen auf die Forderung, dass mindestens 90% einer Fassung aus unlegiertem Titan bestehen sollen. Alle Hauptteile der Fassung ausgenommen Bügelenden, Scharnierschrauben Unterlegscheiben und Pads sollen aus Titan bestehen, allerdings ist die Verwendung von Fremdmetallen bis zu 10 Gewichts-% erlaubt. Diese können dann entweder als "Fremdmetall pur" bei Kleinteilen, wie Schließblöcken, Scharnieren, Schrauben, Unterlegscheiben, Padhaltern usw. verwendet werden, oder aber der Gesamtmenge des Verarbeiteten Titans beigefügt werden. Letzteres entspräche dann beispielsweise der Legierung "V6 Al 4 Ti", woraus im Allgemeinen aber nur bestimmte Teile der Fassungen gefertigt werden. Ausdrücklich untersagt ist dagegen die Verwendung von Nickel. Somit dürfte auch kein Neusilber, Edelstahl oder Monel für diese Teile zum Einsatz kommen, da diese Legierungen immer Nickel enthalten. Würde der Standard korrekt angewendet, dürfte für diese Teile als Fremdmetall eigentlich nur noch Kupfer-Beryllium verwendet werden.

Mit diesem Standard haben sich die Verarbeiter eine Nische von 10% des Gewichtes einer Fassung eingeräumt. Satt und genug, um unter falscher Flagge segeln zu können, satt und genug um minderwertige Produkte genau so deklarieren zu dürfen wie die hochwertigsten (!), satt und genug auch, um den Verbraucher an der Nase herum zu führen. Allemal aber auch satt und genug, um hierüber einige aufklärende Worte zu verlieren.

Bei dem Bemühen allgemein gültige Bezeichnungen und Definitionen einzuführen, richtet sich die OIA nach der Standard specification for titanium and titanium alloy wire, der American society for testing and materials. Die genauen Bezeichnungen der Titanwerkstoffe sind aufgeführt im Annual book of ASTM standards B 863 - 95a.

Die von der ASTM geschaffenen Benennungen und Qualitätsmerkmale werden auch von der OIA verwendet. Darüber hinaus gibt es jetzt ein eingetragenes Warenzeichen der OIA, mit der Bezeichnung Titanium-100™. Wenn man den OIA Standard etwas näher betrachtet, springt einem trotz der langen Erklärungen für das "Fachchinesisch" sofort ins Auge, dass überall dort, wo es um Qualität geht, fast nichts gesagt wird. Man beschränkt sich weitestgehend auf die Forderung, Reintitansorten, entsprechend den ASTM-Graden 1 bis 4 zu verwenden, lässt aber andererseits ausdrücklich die Möglichkeit offen, bis 10 Prozent Fremdmetalle verarbeiten zu dürfen. Hierbei ist an keiner Stelle verdeutlicht in welcher Form, also etwa als Legierungszusatz, oder als Bauteile aus einem völlig anderen Stoff als Titan, oder als Lot.

Zwar erklärt man so quasi nebenbei, dass Titan-P keineswegs Titan-Pur heißen soll (das "P" steht wohl für plated mit Nickel), aber wie oft es dennoch mit "Pur" verwechselt wird, wissen nur die Götter!

Denn genau dies wird doch assoziiert. Und die Nickel-Plattierung darf nach diesem Standard bis 30my betragen! Die Vergoldung auf der Nickelschicht ist in fast allen Fällen, nicht stärker als 2.5 bis 3 my. Ideale Voraussetzungen also, für das Entstehen von Allergien! Dabei wäre der ganze Ärger relativ leicht aus der Welt zu schaffen: Man müsste nur das leidige Nickel durch Palladium ersetzen. Selbst in Kombination mit Nickel, als Abscheidung aus einem so genannten Ni-Pd-Bad, welches Metall in hohen Schichtstärken abscheidet, bleibt der Nickelanteil des Niederschlages physiologisch völlig neutral. Auf diesen relativ preiswerten Schichten, liesse sich jede gewünschte Lötung durchführen. Eine nachfolgende Vergoldung wäre ebenfalls ohne jede Schwierigkeit aufzutragen, zudem bliebe der gefürchtete elektrolytische Auflösungseffekt, mit dem damit verbundenen Lochfraß und der hohen Allergiegefahr garantiert aus!

Dem aufmerksamen Leser blieb nicht verborgen, dass die kleinen Zutaten, welche doch über die Lebensdauer einer Fassung mitentscheiden, also Scharniere, Stegstützen, Schließblöckchen usw., aus anderen Metallen sein dürfen, als aus Titan. Gestempelt wird trotzdem großzügig Titanium-100™! Und hier hört der Spaß nun endgültig auf, denn hier geht es auch um die Gesundheit.

Aufhören tut der Spaß auch in der Werkstatt! Nämlich dann, wenn die Fassungen mit Bronze-, Neusilber-, oder Monelteilen ausgerüstet und eventuell auch noch vernickelt sind. Titanfassungen können bekanntlich nur unter dem Laserschweißgerät "gelötet" werden. Lötversuche mit der Flamme sind zum Scheitern verurteilt. Ein Schweißlaser schmilzt aber nun einmal gnadenlos auf, was sich in seinem Wirkungsbereich befindet. Monel verschmilzt er ebenso mit Titan, wie Bronze, Edelstahl oder Alpacca und die Nickelschicht mit Goldauflage gleich mit. Ist so etwas geschehen, können Sie die Fassung getrost "in die Tonne hauen". Statt einer haltbaren Schweißstelle wurde ein brüchiges, glashartes Etwas erzeugt, was oft noch nicht einmal die Bügelbewegungen aushält, ohne erneut zu zerbrechen! Erklären Sie dies einmal Ihrem Kunden, wenn er seine teure Brille abholen will, die doch "nur" mal eben an einer kleinen Stelle gelötet werden sollte! Und das Schlimme bei der Sache ist: Sie, als Reparateur, hatten bei der Reparatur nicht die geringste Chance!

Aber das ist noch nicht alles, denn die OIA schweigt sich über einen andern, genau so wichtigen Bereich völlig aus. Zwar wird bei Titanium-100™ verlangt, dass die Fassungen nickelfrei sein müssen, man orientiert sich weitgehend an "Pure Titanium", welches den ASTM Graden 1-4 entspricht, doch auch hier: Außen hui, innen (oft) pfui.

An keiner Stelle verliert die OIA auch nur ein Wort über die Lote mit denen die Fassungen montiert werden, oder werden sollten. Und gerade dieser Punkt ist bei einer Reparatur von größter Bedeutung! Ist eine Lotstelle mit Kupfer-Nickel oder einfachem Silbelot gefügt: Viel Spaß bei der Reparatur! Oft sieht dies auch so aus: Die Einzelteile werden vor der Montage nach entsprechender Vorbehandlung vernickelt. Danach kann man dann wunderbar mit den billigsten Loten und Lötverfahren arbeiten. Anschließend wird von der Fassung das überflüssige Nickel entfernt, so dass die Oberfläche wieder wunderbar sauber ist. Das dicke Ende kommt todsicher bei der Reparatur, denn unter dem Lot ist natürlich reichlich Nickel vorhanden! Solche Lötverbindungen brechen besonders leicht, da schon eine geringfügig zu hohe Temperatur beim Löten chemische Verbindungen mit dem Basismetall Titan erzeugt, was zu genau dem splitterharten Resultat führt, wie oben beschrieben. Auch hier muss man leider sagen: Im Allgemeinen hat der Reparateur keine Chance.

Fazit: Stempel oder Warenzeichen dieser Art sagen gar nichts aus. Zu groß ist der eingeplante Freiraum für immer noch mögliche (legale) Missetaten seitens der verarbeitenden Industrie. Achten Sie auf die "Kleinigkeiten". Scharniere, Padhalter, Brücken, Schließblöcke: Sie sollten auch aus Titan bestehen. Achten Sie auf die Lötstellen, wenn das Lot dick in den Ecken sitzt, dann Finger weg! Meiden Sie vernickelte Ware. Mit einem kleinen (Seltenerde-) Magneten lassen sich einfache Tests durchführen. Lässt sich ein kleiner, mit einem scharfen Messer oder Schaber abgeschabter Span magnetisch beeinflussen, ist die Fassung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vernickelt!

Unsere Empfehlung: Augen auf beim Einkauf. Lassen Sie verdächtige Reparaturen von einem erstklassigen Fachbetrieb ausführen, das vermeidet Ärger und unnütze Kosten. Die meisten der älteren aber leider auch viele der neueren Fassungen asiatischer Herkunft haben diese Merkmale!

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